100 % Audrey
Kreativität lässt sich unterstützen.
Aber nicht auf Knopfdruck ersetzen.
90%
Kopfkino, Handarbeit & Entscheidungen
Ausdenken, schreiben, verbessern, setzen, gestalten, entscheiden, wieder verwerfen – und manchmal einfach noch mal von vorne anfangen.
10%
KI als Werkzeug
Ideen weiterdenken, Varianten ausprobieren, Formulierungen prüfen, Bilder entwickeln – und gelegentlich Menschen mit zu vielen Fingern reparieren
Mein Umgang mit KI
KI? Ja, natürlich. Aber wer hat hier eigentlich was gemacht?
Seit einiger Zeit begegnet mir bei Büchern immer häufiger ein kleiner Hinweis: mit KI erstellt, KI-generiert, unter Verwendung künstlicher Intelligenz.
Klingt eindeutig.
Ist es aber nicht.
Denn was bedeutet eine solche Kennzeichnung eigentlich?
Hat jemand auf einen Knopf gedrückt, sich einen Kaffee geholt und zehn Minuten später lagen Roman, Illustrationen und Cover fertig auf dem Schreibtisch?
Oder hat ein Mensch eine Geschichte geschrieben, sie überarbeitet, lektorieren lassen, Bilder entworfen, gezeichnet, generiert, verworfen, retuschiert, zusammengesetzt und dabei an einigen Stellen künstliche Intelligenz als Werkzeug benutzt?
Für den Leser kann am Ende bei beiden stehen:
KI wurde verwendet.
Und genau damit habe ich ein Problem.
Nicht mit der Transparenz. Ich benutze KI und habe überhaupt keinen Grund, daraus ein Geheimnis zu machen.
Mein Problem ist, dass zwischen „KI benutzt“ und „von KI gemacht“ eine ziemlich große Welt liegt.
ChatGPT, rette Peter!
Fangen wir beim Schreiben an.
Ich arbeite schon lange mit Papyrus Autor. Das Programm weist mich auf Wiederholungen hin, untersucht meinen Text und schlägt mir beispielsweise andere Wörter vor.
Sehr praktisch, denn ich habe eine besondere Begabung dafür, im Schreibfluss ein Lieblingswort zu entdecken und es anschließend großzügig über die nächsten Absätze zu verteilen.
Eine Leserin kritisierte bei einem meiner Bücher einmal zu viele Wiederholungen.
Sie hatte recht.
Heute würde Papyrus vermutlich irgendwann ungeduldig auf den Tisch klopfen und sagen: Audrey. Wir hatten dieses Wort jetzt wirklich oft genug.
Und inzwischen kann ich natürlich auch ChatGPT benutzen.
Nehmen wir diesen literarischen Leckerbissen:
„Peter öffnete die geheimnisvolle Tür.“
Keine Sorge, den Nobelpreis erwarte ich dafür nicht.
Der Satz gefällt mir nicht. Also frage ich ChatGPT: Kannst du mir dafür ein paar schönere Formulierungen geben?
Vielleicht gefällt mir eine davon. Vielleicht nehme ich nur ein Wort. Vielleicht bringt mich ein Vorschlag auf eine ganz andere Idee. Vielleicht sage ich auch: Nein, alles Quatsch, Peter öffnet jetzt wieder meine langweilige Tür.
Aber nehmen wir an, ich übernehme einen Vorschlag.
Hat ChatGPT dann mein Buch geschrieben?
Für mich ganz eindeutig: nein.
Es hat mir bei einem Satz geholfen.
Genauso wie Papyrus mir ein anderes Wort vorschlägt. Genauso wie ein Lektor einen Satz anstreicht und daneben schreibt: Holprig. Genauso wie ich jemanden fragen kann: Du, fällt dir ein besseres Wort dafür ein?
Die Geschichte, die Figuren, die Welt, der Konflikt, die Dialoge und die Entscheidungen darüber, was am Ende im Buch steht, stammen weiterhin von mir.
Und manchmal bleibt sogar eine Wiederholung übrig.
Das darf passieren.
Das Schöne am Selfpublishing ist: Wenn mir oder meinen Lesern später etwas auffällt, kann ich es korrigieren und mit einer neuen Ausgabe eine verbesserte Fassung veröffentlichen.
Ich möchte meine Texte verbessern.
Aber ich möchte meine Stimme nicht herausverbessern.
Und dann kam das Cover …
Noch spannender wird die Sache bei Bildern.
Bei einem meiner letzten Bücher habe ich KI für das Cover und die Illustrationen verwendet.
Und jetzt entsteht schnell ein wunderbares Bild im Kopf:
Ich sitze morgens im Bademantel vor dem Computer, tippe:
„Mach mir mal ein tolles Cover für ein Kinderbuch.“
Klick.
Fertig.
Wenn es doch nur so wäre.
Dieses Cover hat mich ungefähr eine Woche Arbeit gekostet. Und mit „Woche“ meine ich nicht jeden Nachmittag mal eine gemütliche Stunde. Ich saß teilweise zehn bis zwölf Stunden am Tag daran.
Denn bevor irgendeine KI irgendetwas generieren kann, muss erst einmal jemand eine Idee haben.
Wie soll mein Cover aussehen?
Welche Stimmung soll es vermitteln?
Was soll ein Kind empfinden, wenn es das Buch sieht?
Was gehört in den Vordergrund? Was in den Hintergrund? Wo stehen die Figuren? Welche Perspektive funktioniert? Welche Farben? Welche Atmosphäre?
Und dann geht die Party erst richtig los.
Ich habe Elemente selbst grob gezeichnet und anschließend mithilfe von Photoshop weiterentwickelt. Ein Bild habe ich bestimmt zwanzigmal neu erzeugt, bis ich irgendwann sagen konnte:
Ja. Jetzt kommst du wenigstens ungefähr dahin, wo ich seit sechs Stunden hinwill.
Andere Bestandteile entstanden mit Leonardo, wieder andere mit DALL-E beziehungsweise ChatGPT. Danach hatte ich etwas ausgesprochen Praktisches:
einen Haufen einzelner Bilder.
Leider noch kein Cover.
Herzlichen Glückwunsch, Sie haben jetzt drei Hände
Wer schon einmal ernsthaft mit generativer Bild-KI gearbeitet hat, kennt ihre gelegentlich sehr eigene Vorstellung davon, was anatomisch sinnvoll ist.
Gewünscht ist eine Hand.Geliefert werden drei.
Fünf Finger wären schön. Die KI hält sieben offenbar für großzügiger – plus etwas, bei dem nicht ganz klar ist, ob es noch ein Finger, bereits ein Tentakel oder der Beginn einer völlig neuen Lebensform ist.
Auch die Wiedererkennbarkeit von Figuren ist so eine Sache. Eben noch wurde eine Person korrigiert, gespeichert und für perfekt befunden. Beim nächsten Bild sieht sie plötzlich aus, als hätte über Nacht ihre Schwester die Rolle übernommen.
So viel übrigens zum Thema: KI macht alles automatisch perfekt.
Nein, ich wollte keinen Tintenfisch. Ich wollte ein Kind.
Also wird wieder generiert.
Und wieder.
Und wieder.
Dann wird ausgeschnitten, freigestellt, retuschiert, angepasst und zusammengesetzt. Licht und Perspektive müssen zusammenpassen. Ein Element darf nicht aussehen, als hätte ich es mit einem Klebestift auf den Hintergrund gepappt. Figuren müssen zueinanderpassen. Farben müssen stimmen.
Dann kommen Typografie, Titel, Autorenname und die gesamte Gestaltung dazu.
Bei den Illustrationen im Buch war es ähnlich. Manche Vorlagen habe ich selbst gezeichnet, anschließend mit KI weiterentwickelt, wieder verändert, retuschiert und für das Buch aufbereitet.
Am Ende ist KI ein wichtiger Bestandteil dieses Arbeitsprozesses.
Aber der Knopf war wirklich der kleinste Teil davon.
Warum mache ich das überhaupt?
Die Antwort ist ziemlich unromantisch:
Ich bin Selfpublisherin.
Früher habe ich für Illustrationen und Gestaltung meiner Bücher Tausende Euro ausgegeben.
Und bevor jetzt jemand sagt: Aber Künstler müssen doch bezahlt werden!
Ja.Natürlich.Unbedingt.
Eine gute Illustratorin soll für ihre Arbeit vernünftig bezahlt werden. Ein guter Grafiker ebenso. Genau deshalb kostet professionelle Arbeit Geld.
Nur funktioniert die Rechnung für einen Selfpublisher manchmal nicht besonders romantisch.
An manchen meiner Bücher verdiene ich ungefähr einen Euro pro verkauftem Exemplar.
Wenn Illustrationen und Gestaltung einige Tausend Euro kosten und anschließend noch ein professionelles Lektorat dazukommt, kann jeder selbst ausrechnen, wie viele Bücher ich verkaufen muss, bevor ich überhaupt bei null angekommen bin.
Auf das Lektorat möchte ich trotzdem nicht verzichten.
Bei der Gestaltung habe ich heute jedoch eine andere Möglichkeit:
Ich kann einen Teil dieser Arbeit selbst übernehmen.
Nicht ohne Arbeit. Ganz im Gegenteil.
Wenn ich mir für die Stunden, die ich an manchen Covern sitze, selbst einen vernünftigen Stundenlohn bezahlen müsste, würde ich wahrscheinlich feststellen, dass ich meine eigene teuerste Grafikerin bin.
Früher hieß das Stockfoto
Und hier beginnt für mich die eigentlich interessante Diskussion.
Denn digitale Buchgestaltung wurde nicht mit der künstlichen Intelligenz erfunden.
Auch früher bestanden Cover aus Stockfotos, Texturen, Hintergründen, digitalen Effekten und einzelnen Grafiken. Ein Mensch konnte aus fünf verschiedenen Quellen ein vollkommen neues Gesamtbild komponieren.
Das Mädchen auf dem Cover stand vielleicht niemals in diesem Wald.
Vielleicht gab es diesen Wald nicht einmal.
Der Himmel kam aus Bild A, das Model aus Bild B, die Burg aus Bild C, Nebel und Licht wurden digital ergänzt und anschließend wurde alles in Photoshop zu einer neuen Szene zusammengesetzt. Das war Gestaltung.
Heute kann ich einige dieser Bestandteile generieren lassen.
Und plötzlich stellt sich die Frage:
Wer hat das Bild gemacht?
Die KI, die einzelne Pixel erzeugt hat?
Oder der Mensch, der die Idee entwickelt, die Bestandteile ausgewählt, Dutzende Versionen verworfen, alles zusammengesetzt, verändert, retuschiert und daraus schließlich ein Cover gestaltet hat?
Meine Antwort darauf lautet:
Beide waren am Prozess beteiligt – aber nicht auf dieselbe Weise.
Und genau diese Unterscheidung vermisse ich häufig.
Was liest ein Leser bei „KI-generiert“?
Das ist für mich der entscheidende Punkt.
Denn eine Kennzeichnung transportiert nicht nur eine technische Information. Sie erzeugt auch eine Vorstellung.
„Mit KI erstellt.“
Und im Kopf kann daraus sehr schnell werden:
Ach so. Die lässt ChatGPT ihre Bücher schreiben und drückt für die Bilder auf einen Knopf.
Nein.
Genau das tue ich nicht.
Und deshalb wünsche ich mir bei der ganzen Diskussion mehr Differenzierung.
Es macht einen Unterschied, ob jemand sagt:
„Schreib mir einen Roman über einen Drachen.“
und das Ergebnis anschließend veröffentlicht.
Oder ob eine Autorin ihren Roman selbst entwickelt und schreibt und KI punktuell zum Überarbeiten einzelner Formulierungen benutzt.
Es macht einen Unterschied, ob ein fertiges Bild mit einem einzigen Prompt erzeugt und unverändert verwendet wird.
Oder ob KI-generierte Elemente Bestandteile eines Gestaltungsprozesses sind, an dem ein Mensch tagelang arbeitet.
Beides kann man kennzeichnen.
Aber man sollte nicht so tun, als wäre beides dasselbe.
Also, Audrey: Benutzt du KI?
Ja.Natürlich.
Ich benutze ChatGPT. Ich benutze generative Bildwerkzeuge. Ich benutze Photoshop. Ich benutze Papyrus. Ich benutze eine Kamera. Ich zeichne. Ich schneide aus, setze zusammen, ändere, verwerfe, schreibe neu und fluche gelegentlich meinen Bildschirm an.
Manchmal hilft mir KI bei einem Satz und öfter bei einem Bild.
Und manchmal produziert sie mir einen Menschen mit so vielen Fingern, dass ich anschließend mehr Arbeit habe als vorher.
Was sie mir aber nicht abnimmt, ist das Wichtigste: die Idee.
Sie entscheidet nicht, welche Geschichte ich erzählen möchte.
Sie kennt meine Figuren nicht so wie ich.
Sie entscheidet nicht, wann ich lachen möchte, wann es ein bisschen unheimlich werden darf und wann eine Figur mir ans Herz gewachsen ist.
Und sie entscheidet vor allem nicht, wann ein Buch fertig ist.
Das mache immer noch ich.
Deshalb habe ich überhaupt kein Problem damit zu sagen:
Ja, ich arbeite mit KI.
Ich wünsche mir nur, dass wir irgendwann genauer darüber sprechen, wie ein Mensch mit KI arbeitet – statt alles unter einem einzigen Etikett zusammenzufassen.
Denn ein Werkzeug kann an einem Buch mitarbeiten.
Aber ein Werkzeug hat noch lange keine Geschichte zu erzählen.
Und sollte die KI eines Tages einen Fisch erfinden, der Luftblasen pupst, damit ein gewisses Fräulein Gelblich mit ihm unter Wasser auf Abenteuerreise gehen kann, dann werde ich nervös.
Bis dahin beanspruche ich die verrückten Ideen weiterhin für mich. 😂
